IBM Modell 4860 PC Junior

Guten Tag meine Damen und Herren,

IBM PCjr.

ich bin ein IBM Modell 4860 PC Junior oder kurz PCJr.

Meine Hardware wurde für die IBM Corporation von der Teledyne Inc. Fertigungsstätte in Lewisburg / Tennessee U.S.A. hergestellt.

Meine Produktlinie wurde am 1. November 1983 durch die IBM Corporation angekündigt.

Ziel des Vorhabens war die Erschließung des Heimcomputermarktes für die IBM Corp.

Die Produktion wurde dann ab Ende Januar 1984 ausgeliefert.

Es wurden zwei Basismodelle produziert.

Mein kleiner Bruder, das Modell 4860-004 mit 64 kB RAM zum Preis von 669,00 US$ und meine eigene Modellreihe 4860-067 mit 128 kB RAM und einem 5,25” / 360 kB Diskettenlaufwerk zum Preis von 1269 US$.

Meinen Codenamen “Peanut” (Erdnuss) fand ich aus diesem Grund etwas unangebracht.

Mein Preis war, gegenüber vergleichbaren Modellen anderer Marktteilnehmer, jedoch durchaus konkurrenzfähig.

Basierend auf dem extrem erfolgreichen IBM PC, mit seinem 8088 Prozessor und dem IBM  BIOS, haben die Ingenieure der IBM Corp. verschiedenste Zusatzfunktionen für Heim- und Spielanwendungen entwickelt und in mein System integriert.

So zum Beispiel verschiedene Grafik Modi, die der damals aktuellen CGA Grafik überlegen waren.

Auch bin ich der erste PC kompatible Computer, der das sogenannte „Page Flipping“ für Grafikanwendungen nutzt. Grafikdaten werden in einem, zu reservierenden, Teil meines Hauptspeichers abgelegt und können so beliebig oft an, ab oder umgeschaltet werden. Dadurch werden zum Beispiel ruckelfreie Animationen und andere Effekte möglich, die zu der Zeit nur schwer oder gar nicht auf PC kompatiblen Rechnern umgesetzt werden konnten.

Mein integriertes Modem (Option) erreicht eine Übertragungsrate von 300 Bit/s.

Modems von Fremdanbietern bis 1200 Bit/s können extern angeschlossen werden.

Auch verfüge ich über  einen Audio Ausgang, der den Anschluss an einen Verstärker ermöglicht.

Mein Originalmonitor hat als einziger aller, je von IBM produzierten Monitore, einen eingebauten Lautsprecher.

Auf Werbeaufnahmen von mir, ist der Monitor manchmal auf die CPU gestellt zu sehen.

In der Praxis rate ich aber davon ab, da die Funktion des Diskettenlaufwerkes dadurch  beeinträchtigt werden kann.

Weiterhin stelle ich Anschlüsse für Joysticks, Lichtgriffel, Steckmodule, konventionelle Fernseher, Erweiterungskarten für Drucker, Modem und erweiterten Speicher zur Verfügung.

Sie ermöglichen eine Funktionserweiterung, ohne das mein Gehäuse geöffnet werden muss.

Also Sachen, die in der Zielgruppe der Heimcomputer Nutzer bestens bekannt sind.

Selbstverständlich ist die Hardware der Schnittstellen IBM spezifisch ausgeführt.  Optionale Adapter ermöglichen aber auch den Anschluss der Hardware von Fremdanbietern.

Aufgrund einer Designentscheidung wurde in das Prozessorboard kein DMA Controller integriert, so dass ich  bestimmte Programme aus der PC Software Bibliothek nicht ausführen kann. Dieser Sachverhalt hat auch Einfluss auf die Datenfernübertragung.

So können auf der RS232 Schnittstelle Daten verloren gehen, wenn gleichzeitig das Diskettenlaufwerk angesprochen wird.

Eine andere Designentscheidung, die Tastatur betreffend, wurde revidiert.

Die sogenannte „Chiclet“ (Kaugummi) Tastatur wurde durch eine Ausführung mit exakten Schaltern ersetzt. Meine Tastatur kommuniziert mit der CPU über Infrarot, was dem heimischen Computerspieler entgegenkommt,  kann aber auch über ein Verbindungskabel

angeschlossen werden.

Die IBM Corp. investierte eine erhebliche Summe für Fernsehsendungen, Werbespots, Anzeigen und Artikel um mich bekannt zu machen.

Das verfehlte seine Wirkung nicht und die Computerwelt wurde von einer Euphorie erfasst.

Es gab natürlich auch Pessimisten.

George Morrow, zu der Zeit ein „Schwergewicht“ in der Computerlandschaft der U.S.A., weissagte kurz nach meiner Einführung dann auch, dass Jack Tramiel von Commodore „Hackfleisch“ aus diesem „Spielzeug“ machen wird.

Einige Zeitschriften konnten sich ebenfalls nicht zurückhalten.

Ein PC kompatiblen Computer, vom größten Computerhersteller der Welt, zum Preis einer bessern Schreibmaschine.

Das war die Wunschvorstellung, welche sich in die Gehirne der Nutzer einbrannte.

Sie wollten den Industriestandard nutzen, ohne die entsprechenden Lizenzen zu erwerben.

Eine Erwartung die ich weder erfüllen konnte, noch erfüllen wollte.

Die Nutzer waren darauf hin sehr erbost.

Die Verkaufszahlen brachen ein und auch eine Rabattschlacht blieb erfolglos, da sich mittlerweile fast jeder gegen mich gewandt hatte.

Das „Time“ Magazin meldete dann im November 1984 dann auch den „Größten Flop in der Geschichte der Datenverarbeitung“, vergleichbar mit dem Desaster des Ford Edsel Automobils in den 1950‘er Jahren.

So wurde dann im März 1985 meine Produktion eingestellt.

Was von den Äußerungen nie richtig erfolgreicher Personen, längst untergegangenen Firmen und unter Leserschwund leidenden Printmedien zu halten ist, mögen Sie selbst beurteilen. Fakt ist, gewonnen hat, wer noch steht, wenn sich der Staub verzogen hat.

Und das ist nun mal IBM.

In mir wurden viele Konzepte realisiert, welche von anderen Marktteilnehmern später gerne beim Design anderer Homecomputer wieder aufgegriffen wurden und teilweise bis heute Verwendung finden.

Vielfach geschmäht, habe ich aber auch einen recht großen Freundeskreis von Nutzern weltweit. Diese Enthusiasten versorgen mich seit langem mit neuer Hard- und Software, um mich auch im Zeitalter des Quantencomputers funktionsfähig zu halten.

Heute habe ich meinen Platz im Computermuseum Visselhövede gefunden, wo ich, mit einem neuen Sicherheitsnetzteil versehen,  an besonderen Tagen meine Rechenleistung öffentlich zeigen kann.

Ich freue mich darauf, Sie dort mit einem „HELLO WORLD“ zu begrüßen.

Text und Bilder von Uwe, FFCG
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